„Es sind Aufnahmen aus dem Leben“

Woher nimmt Lena Brinkmann, Head of Design bei bugatti, ihre Ideen – und wie entsteht so aktuelle Damenmode?

Lena Brinkmann ist Chefdesignerin (Head of Design) für Damenoberbekleidung der Marke bugatti. Im Interview schildert sie, wie ihr kreatives Team ein neues Kleidungsstück entwickelt – von der ersten, schnell skizzierten Idee bis zum fertigen Produkt. Und sie verrät, welche Formen und Stoffe zu ihren Favoriten zählen.

Frau Brinkmann, Sie gestalten bei bugatti Womens Wear ständig neue Damenmode. Woher kommen ihre Ideen?

Lena Brinkmann: Zunächst einmal hören wir uns Vorträge an – von Personen, die um die ganze Welt reisen und dabei die neuesten Trends, was Farben, Silhouetten und Materialien anbelangt, wahrnehmen. Das ist die Grundlage. Dazu lasse ich mich viel auf Reisen und Messen inspirieren, etwa in Mailand, London und München. Die Stofflieferanten entwickeln jedes Jahr neue Kollektionen, die gucken wir uns ganz genau an.

Was zeichnet sich denn ab als neuer Trend?

Das hängt davon ab, was man sucht. Im Bereich funktionaler Ansprüche etwa gibt es bei den Outdoorjacken, für die ich zuständig bin, viele Neuheiten. Bei Oberstoffen aus Wolle zum Beispiel sind sowohl flache als auch voluminöse Gewebe im Kommen – da entstehen immer wieder neue Optiken und Zusammensetzungen.

Übersetzen Sie das in den bugatti-Stil?

Genau. Dafür braucht man aber Erfahrungswerte, man muss wissen, wie die Marke tickt. Was ist unser Anspruch? Was wollen wir machen und was nicht?

Und das wäre?

Bei uns steht der Modegrad, was Farbe, Form und Material betrifft, deutlich mehr im Fokus. Das Teil muss einfach schön aussehen! Wir sind natürlich passformsicher – zugleich muss gewährleistet sein, dass etwa ein Wollmantel auch einen Regenschauer aushält. Dazu dient eine Qualitätsprüfung der Stoffe.

Haben Sie ein Team um sich herum? Oder erarbeiten Sie alles selbst?

(lacht) Also, ich habe definitiv ein Team. Ich glaube, allein würde ich das gar nicht alles schaffen… Meine Aufgabe ist der kreative Part. Ich zeichne am Computer den Mantel, die Jacke oder den Blazer und bespreche Form und Materialien mit den Modellmachern – und die stellen dann den Schnitt auf. Unsere Produktmanagerin sorgt dafür, dass wir ein stimmiges Oberstoff-Konzept haben. So fügt sich alles zusammen.

Woher nehmen Sie ihre Einfälle, was inspiriert Sie?

Sehr inspirierend sind für mich Städtetouren. Ich war diesen Sommer in Lissabon in Portugal, und diese Stadt sprüht geradezu vor Kreativität: Das ist der absolute Knaller! Die Menschen dort sind etwas total Inspirierendes. Es sind Aufnahmen aus dem Leben, die man mitnimmt. Manchmal kommen mir auch neue Ideen in den Sinn, wenn ich mir Bilder im Museum ansehe. Das Ganze macht echt richtig Spaß!

Lässt sich das an einem Beispiel festmachen?

Das ist etwas schwierig. Bei mir entwickelt sich vieles, während ich an einem bestimmten Stück arbeite und daran zeichne. Ich nehme die Arbeit gedanklich auch mit nach Hause, muss ich sagen: Wenn irgendein Detail noch nicht stimmt, dann rattert es im Kopf. Manchmal stehe ich nachts auf und denke darüber nach, bis mir eine Lösung einfällt – die ich hoffentlich aufschreibe und so am nächsten Morgen umsetzen kann!

Wie zeichnen Sie? Mit Tablet und in Farbe?

Ganz am Anfang habe ich sogar noch mit Bleistift auf Papier gezeichnet. Um dann irgendwann festzustellen, dass es schwierig ist für den Modellmacher, die Skizze mit teils sehr schwungvollen Linien zu verstehen und umzusetzen. Schließlich habe ich umgestellt auf eine technische Zeichnung. Die ist ohne Farbe, sondern mit Weiß- und Grau-Nuancen, um die verschiedenen Stoffe darzustellen.

Wie lange dauert es, bis ein Entwurf steht?

Für einen Parka aus Baumwolle brauche ich mit Vorder-, Innen- und Rückansicht etwa einen Tag. Hier geht es um viele Nähte und Steppungen, damit er zu dem wird, was ihn ausmacht. Wie breit muss gesteppt werden? Auf welcher Höhe liegt die Tasche? Das muss der Modellmacher ganz genau wissen, um den Schnitt aufstellen zu können.

Wie geht es dann weiter?

Unser Ziel ist, Vielseitigkeit in die Kollektion zu bringen, denn jeder Typ von Frau ist anders. Manche mögen es vom Schnitt her sportiver als andere, finden aber genau dieses oder jenes Material schön. In einem fließenden Übergang entstehen so Musterteile für die Kollektion: Jeder Knopf, jede Farbe eines Garns, jeder Reißverschluss wird ausgewählt und bestellt. Dann wird genäht und schließlich die Kollektion im Januar auf der Messe in Berlin vorgestellt.

Wer entscheidet letztlich, was produziert wird?

Das sind Menschen vom internen Vertrieb, dazu die Geschäftsführung, also meine Familie und ich selbst, und die Produktmanagerin. Wir sitzen alle in einem Raum und diskutieren über die Prototypen. Vorgestellt werden etwa 40 Modelle, etwa  dreißig gelangen in die Kollektion. Manchmal ist das nicht einfach: dann hat jeder so seine Sicht der Dinge und es wird spannend (lacht).

Was machen Stil und Anspruch von bugatti aus?

Die Kundin, die bugatti kauft, trägt gern modische Mäntel und Jacken. Sie achtet auf Details – und auf dieses gewisse Etwas, das es noch einmal anders macht: Es geht um eine leichte Raffinesse, eine besondere Linienführung, ungewöhnliche Lösungen für Kapuzen und Krägen. Etwas, das sehr wertgeschätzt wird, ist das Thema „Flexcity“: Dabei werden elastische Einsätze im Innenfutter im Bereich des Ärmels sowie Rückens verarbeitet.

So vermeiden wir Unbequemlichkeit, wenn die Oberstoffe Wolle oder Jersey sich elastisch, das Futter sich aber eigentlich konträr dazu verhält. Die Trägerin kann sich darin einfach wohlfühlen. Ich finde es ganz furchtbar, wenn man eine Jacke trägt, in der man sich gehemmt fühlt! Die Bequemlichkeit sollte bei einem Kleidungstück, das man lange tragen möchte, gewährleistet sein: Es gilt, eine Brücke zu schlagen zwischen Funktion und Mode, wie eine Symbiose.

Was ist momentan Ihr persönliches Lieblingsstück?

Dadurch, dass ich mich sehr viel mit Mode beschäftige, sind das oft sehr extravagante Formen und Silhouetten. Für mich muss es immer lässig aussehen – deshalb trage ich sehr gern lange Mäntel. Aktuell haben wir einen Trenchcoat in einem Gelbton, einer ganz leichten Senf-Nuance: Wahnsinn, wie der angenommen wird! Er besteht aus gekochter Wolle, ist ganz leicht, mit ein bisschen Struktur. Ich trage ihn auch. Die Farbe ist bei uns total angesagt! Übrigens wird oft gesagt, dass die nur großen Frauen stünden. Das finde ich gar nicht! Auch durchschnittlich große Frauen sehen super darin aus, wenn man sie richtig kombiniert. Wichtig ist mir, dass sich Wolle gut auf der Haut anfühlt, sie darf auf keinen Fall kratzen und muss wertig sein.