Mit Nadel und Schere

Neumünster. Millimetergenau und mit Blick für jedes Detail – so arbeitet das Änderungsatelier bei Nortex.

Anzüge und Abendkleider, Jacken und Mäntel, Strickpullover und Landhaus-Mode: Bei Nortex findet sich eine Vielfalt an Markenbekleidung. Als Größenspezialist im Norden hält das Modehaus eine enorme Auswahl an Größen und Passformen vor. Trotzdem kommt es regelmäßig vor, dass etwas nicht passt. Was nun?

Häufig geht es um die Hose, die im Bund zwar optimal sitzt, deren Beine aber eindeutig zu lang sind. Oder das Abendkleid, in das sich eine Kundin verliebt hat – es hat Stil und genau die richtige Länge, doch leider ist es an den Schultern zu weit! Jetzt kommt es ganz auf das Änderungsatelier an.

Die Frauen, die hier arbeiten, gehen einer ganz besonders verantwortungsvollen Aufgabe nach: Sie ändern auf Wunsch eines Kunden oder einer Kundin Länge und Weite, trennen Nähte auf, kürzen Hosenbeine und Jackenärmel. Ziel ist es stets, dass das Kleidungsstück danach perfekt zum Körper des Kunden passt – und trotzdem keine Unregelmäßigkeit zu sehen ist.

An diesem Anspruch, den Nortex an sich selbst und zugunsten der Kunden richtet, arbeitet das Team im Änderungsatelier von früh bis spät. Zehn Schneiderinnen gehen hier an sechs Tagen in der Woche ihrem Handwerk nach. Es sind Spezialistinnen, die eine Menge Erfahrung, Wissen und Talent einsetzen.

Der Kunde als Maß der Dinge

Eine von ihnen ist Steffi Kott, die das Atelier seit mehreren Jahren leitet. Sie erläutert, wie ein Änderungswunsch abläuft: „Ein Verkäufer beispielsweise aus der Herrenabteilung ruft an und teilt uns mit, dass wir gebraucht werden. Dann nimmt eine Kollegin hier den Auftrag an, trifft den Kunden und nimmt direkt in der Abteilung Maß.“ Am Unterarm trägt die Schneiderin ein Nadelkissen, so hat sie beide Hände frei zum Arbeiten: Mit den kleinen Nadeln steckt sie die optimale Passform und Länge ab.

Zurück im Atelier wird dann sofort geändert. Der Raum ist groß, an seiner Stirnseite befindet sich eine breite Fensterfront. Das ist wichtig, macht Kott klar: „Hier fällt viel Tageslicht herein – das ist gut für die Augen, denn wir müssen hier wirklich auf jedes Detail achten.“ Zum gleichen Zweck ist an jeder der 22 Nähmaschinen von Pfaff, die auf den Arbeitstischen stehen, zusätzlich eine helle LED-Lampe installiert.

Mit Coverstich, Kettstich, Überwendlich-Stich kommen hier Dutzende unterschiedlich gefärbte Garne zum Einsatz. Für Jeans und Leder verwenden die Schneiderinnen stärkere Nadeln an den Maschinen – aber immer gilt: Millimetergenaues Arbeiten ist gefragt. Sie müssen dreidimensional denken, etwa dann, wenn bei einem Anzug drei Nähte aufeinander tre— en. Eine anspruchsvolle Arbeit, so Kott: „Beim Nähen muss man mit allen Sinnen dabei sein und exakt arbeiten. Würde sich etwas verschieben, wäre das sofort sichtbar.“

Egal, ob Satin, Seide Baumwolle, Leinen: Die Frauen bewältigen alles, was sich im Sortiment bei Nortex findet. Jede ist zur Spezialistin in einem bestimmten Gebiete geworden, beispielsweise für Lederjacken, für Abendkleider oder eben für Herrenkonfektion. Bei besonderen Herausforderungen tauschen sie sich untereinander aus – wie kann man dies und jenes Problem am besten lösen?

„Dann überlegen wir alle zusammen und sind hinterher stolz, dass es funktioniert hat“, schildert Kott. Denn manchmal müsse man schon sehr kreativ sein, etwa bei aufwändig mit Pailetten verzierten Abendkleidern. Die würden häufig in der Länge gekürzt und an den Seiten und an den Schultern geändert, damit es gut sitzt. Kott: „Zur Abi-Ball-Saison hatten wir in einer Woche schon einmal 60 Aufträge für Abendkleider.“

Samstags ist immer viel los

Die meisten Aufträge kommen am Samstag ins Änderungsatelier. Insgesamt werden bis zu 100 Hosen hier täglich geändert. Das sind mehrere Hundert Stück im Monat, am Ende des Jahres hat das Team im Nortex- Änderungsatelier Hosen in fünfstelliger Stückzahl auf die richtige Länge gebracht. Sakko-Ärmel sind ein weiteres Beispiel. Hier wird die Naht aufgetrennt und je nach Bedarf der Ärmel nach oben verschoben; anschließend wird der Stoffsaum wieder vernäht. Kott: „Wir achten dabei schon darauf, dass wir ähnlich wie der Hersteller nähen, vielleicht sogar besser.“

In der Warenausgabe begutachtet der Kunde und die Kundin die Arbeit – in fast allen Fällen mit großer Zufriedenheit. Neben dem Sofort- Service wird der Großteil der Aufträge binnen einer Woche Wartezeit erledigt. Im Anschluss wird die schon bezahlte Bekleidung dem Kunden zugeschickt. Für fünf Euro pro Paket – egal wie groß.

„Ich bin schon glücklich darüber, wenn der Kunde sagt, ‚Das haben Sie aber toll gemacht‘“, sagt Kott. Die Mentalität sei ganz verschieden: „Manche sagen: Gar kein Thema, nehmen Sie sich soviel Zeit wie sie brauchen – andere wollen schnell einen Kaffee trinken und dann in 20 Minuten ihre fertig geänderten Stücke direkt mitnehmen.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein junger Mann, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Er wollte eine zuvor gekaufte Hose ändern lassen. „Wenn man sitzt, muss der Bund vorne weiter sein, aber an der Rückseite höher“, so Kott. Das Team überlegte gemeinsam, wie geändert werden könnte, ohne dass dies hinterher zu sehen ist. Die Lösung: Die Seitennaht wurde ein Stück weit aufgetrennt, dann vorne gekürzt und hinten zugesetzt. „Er hat seine Hose gekriegt und war total glücklich. Es war schön zu sehen, wie sehr er sich gefreut hat“, schildert Kott. Und fügt zufrieden hinzu: „So etwas macht Spaß, dann denkt man: da hast du etwas geschafft.“

Der besondere Nortex-Anspruch

Genau solche Herausforderungen sind es, die die Bedeutung des Änderungsateliers für das gesamte Modehaus herausheben: Es geht darum, dem Nortex-eigenen Anspruch gerecht zu werden, für jeden Kunden die passende Kleidung anbieten zu können. Wenn das selbst mit den vielen vorhandenen Größen nicht möglich ist, schneidern die Frauen im Atelier die Ware dem Kunden auf den Leib. „Ohne das“, so Kott, „würde uns ein Teil der Nortex-Philosophie fehlen: ‚Nicht der Mensch soll sich der Bekleidung anpassen, sondern die Kleidung dem Menschen‘.“