Ein Prüfer mit Herz

Neumünster. Jeder kennt sie – aus Schule, Studium oder Beruf: die Angst vor der mündlichen Prüfung. Die Nerven liegen blank, nicht selten vergessen die Prüflinge in dieser Ausnahmesituation das Gelernte. Einer, der das früh erkannte und lange Zeit aktiv etwas gegen diese Furcht und Nervosität getan hat, geht nun von Bord: Helmut Jahn, Abteilungsleiter Verkauf bei Nortex, wurde nach fast fünf Jahrzehnten als Prüfer der Industrie- und Handelskammer geehrt und verabschiedet.

Zwei Gegenstände liegen auf dem Schreibtisch, an dem Jahn sitzt. Sie sind ihm wichtig: Bedächtig und gedankenvoll zeigt er auf eine gewichtige, bronzefarbene Medaille, daneben liegt eine kleine, filigrane Goldnadel. Voller Stolz erzählt er von der Feierlichkeit im Kieler Schloss, während der er ausgezeichnet wurde. 1996 war das, gerade einmal zwölf Menschen erhielten damals diese Anerkennung. „Das war für mich schon sehr beeindruckend“ erinnert er sich.

Es ist eine Ehrung für Jahns engagierte Art, zu einer hochwertigen, qualifizierten Ausbildung in der Textilbranche beizutragen. Seit 1982 arbeitet er bei Nortex, zuletzt als Geschäftsführer und Verkaufsleiter. Mittlerweile gibt er seine gesammelte Erfahrung an Nachfolger Andy Grabowski weiter. Vor Nortex beriet Jahn die Kunden bei einem Hamburger Herrenausstatter – und dort begann er auch, Lehrlinge zu prüfen. 49 Jahre lang blieb er dabei: Rund 1200 Auszubildende mögen es gewesen sein, schätzt er, die er seither als werdende Kaufleute im Einzelhandel, mit dem Schwerpunkt auf Mode und Textilien, betreut hat.

„Hallo Herr Jahn, kennen Sie mich noch?“

Noch heute passiert es, dass der Neumünsteraner auf der Straße angesprochen wird: „Hallo Herr Jahn – kennen Sie mich noch…“, heißt es dann oft. Es sind gute Erinnerungen, die die ehemaligen Azubis mit ihrem Prüfer teilen wollen. „Die meisten sagen einfach Danke, und das ist natürlich ein gutes Gefühl – dann fühlt man sich schon bestätigt in seiner Aufgabe. Man denkt: ‚Du hast jungen Menschen geholfen, ihren Weg zu finden‘“, so Jahn.

Als Prüfer müsse man eine gewisse Menschenkenntnis mitbringen, um möglichst jedem gerecht zu werden, erläutert er. Und setzt hinzu: „Das reicht aber nicht. Man darf sich nicht darauf ausruhen, sondern muss stets an sich arbeiten“. Das sei nötig, um etwas sehr Wichtiges zu erreichen – nämlich stets alle Chancen auszuschöpfen, um den jungen Menschen zu helfen. Es ist Jahns Leitmotiv, das sich durch sein ganzes Wirken als Prüfer zieht.

Dabei hat er immer darauf geachtet, die Prüfung für die Azubis so gut wie möglich zu gestalten. „Ich habe immer erst einmal ganz locker mit den jungen Menschen gesprochen“, sagt er rückblickend. Über vorige Zensuren, über das Berichtsheft, dass geführt werden musste. „Ich habe immer schnell gemerkt, ob da jemand nur etwas abgeschrieben oder sich richtig Gedanken dabei gemacht hat“, so Jahn. Und nur in sehr wenigen Situationen musste er jemanden in der entscheidenden mündlichen Prüfung durchfallen lassen.

Von der Pike auf

Ab 1986 fanden die Examina bei Nortex im Grünen Weg statt – dort war genügend Platz vorhanden. Damals habe es wesentlich mehr Prüflinge gegeben als heute, „unter 25 im Jahr waren es eigentlich nie“, erinnert Jahn sich. Stets wurden zwei Azubis gleichzeitig geprüft, bis er Einzelprüfungen durchsetzte – so waren Nervosität und Konkurrenzgefühl nicht ganz so drängend. Das Gremium besteht bis heute aus einem Berufsschullehrer, einem Beisitzer und einem Experten aus der Branchenwirtschaft.

Nach längerer Zeit bildet das Modehaus Nortex nun wieder drei Azubis aus. „Ich finde das sehr gut“, sagt Jahn, „auch von den jungen Leuten: Sie haben sich für einen Beruf entschieden, in dem sie häufig mit Menschen zu tun haben. Hier bei Nortex werden sie den Beruf von der Pike auf gründlich lernen und alle Bereiche eines Textilgeschäfts kennenlernen: vom Verkauf bis hin zur Warenwirtschaft, vom kreativen Dekorieren bis hin zur Lagerlogistik. Gut gewählt!“