Gedenken im Wandel

In Schleswig-Holstein steht die Erinnerungskultur an die NS-Zeit vor großen Herausforderungen

Kiel/Rendsburg. Wenn man nicht so genau guckt, sieht es aus wie ein Kunstwerk. An einer Wand mitten im Jüdischen Museum in Rendsburg hängen Dutzende bunter Notizzettel. Auf manchen steht nur ein Satz, an andere sind weitere Papiere angeklebt, weil der Platz nicht gereicht hat für die vielen Worte: Hier haben Menschen aufgeschrieben, was ihre Vorfahren während der NS-Zeit getan und erlebt haben. „Die große Beteiligung zeigt, dass das Thema die Menschen sehr bewegt“, sagt Jonas Kuhn, Leiter des Museums (siehe Foto).

Am häufigsten sei zu lesen, dass über diese Zeit in den Familien geschwiegen wurde. Gegen das Schweigen und das Vergessen des leidvollen Schicksals von Opfern des Nazi-Regimes wendet sich landesweit eine Vielzahl von Gedenkstätten.

Deren Verantwortliche und Mitwirkende trafen sich vor Kurzem im Kieler Landeshaus, um über aktuelle Herausforderungen zu sprechen. Eine der zentralen Fragen: Wie kann es gelingen, Jugendliche und junge Erwachsene in die Erinnerungsarbeit einzubeziehen?

Wie gelingt es, Jüngere in die Gedenkstätten einzubeziehen? Viele wollen sich selbst einbringen

Das könnte über „Möglichkeitsräume“ gelingen – ein Begriff, der während der Debatte im Plenarsaal oft fiel. „Das Problem ist aber oft, dass die Gedenkorte thematisch schon ‚besetzt‘ sind“, schildert Kuhn. Die Möglichkeiten für junge Menschen, etwas neu zu gestalten, müssten erst wieder geschaffen werden. Veränderungen seien jedoch nicht immer willkommen bei den älteren Mitwirkenden, die „ihre“ Gedenkstätte in den 1960er bis 1980er Jahren oft gegen große Widerstände durchgesetzt haben. Kuhn: „Wenn jemand mehr Barrierefreiheit vorschlägt, dann kann es sein, dass das nicht deren Auslegung von antifaschistischer Arbeit ist – dann gibt es einen Konfliktpunkt zwischen verschiedenen Generationen.“

Hatespeech und Antisemitismus als aktuelle Themen aufgreifen

Im Kieler Landtag hatte sich auch Anke Spoorendonk an der Debatte beteiligt: In vielen Orten im Land gebe es Bezüge zur NS-Zeit und zum Zivilisationsbruch, der die KZ’s so bedeutsam mache, sagte die frühere Kulturministerin in Schleswig-Holstein. Sie forderte, die Vermittlungsarbeit an solchen authentischen Orten zu stärken und auf aktuelle Themen auszuweiten: „Hate speech, Antirassismus und Antisemitismus sind wichtig und gehören ins Umfeld einer Gedenkstätte.“

Zu den Herausforderungen zählt auch der Einsatz digitaler Technik. „Das Digitale ist noch ein Raum, der nicht besetzt ist“, findet Kuhn. Jugendliche hätten oft nicht nur eine höhere Affinität dazu als andere, sondern mittels Digitalisierung ließen sich auch die Reichweiten der Gedenkstätten und deren Vernetzung untereinander verbessern. Auf diese Weise könnten auch Räume sichtbar gemacht werden, die bisher kaum jemand kenne: „In der NS-Zeit war zum Beispiel der Keller des Kieler Sparkassen-Gebäudes am Lorentzendamm für eine kurze Zeit Teil des KZ Neuengamme gewesen – dort waren Menschen untergebracht, die Bomben räumen mussten“, so Kuhn.

Jugendliche steuern eigene Rapsongs bei

Der Museumsleiter erarbeitet vor diesem Hintergrund die neue, für 2022 geplante Dauerausstellung im Jüdischen Museum mit rund 40 Schülern eines Gymnasiums in Heide. Hier soll es auch Räume geben, die noch zunächst unbesetzt bleiben – um mehr Teilhabe zu aktuellen Themen zu ermöglichen. Die Gäste, nicht nur die jungen, könnten über eine emotional-subjektive Ebene angesprochen werden, mitzuwirken. Beispielsweise hätten Jugendliche Rap-Songs entwickelt, die gefilmt wurden und gezeigt werden könnten: „Wenn es um Gefühle geht, sind die Jugendlichen selbst Experten.“

Denn eine Hürde beim Lernen in Gedenkstätten sei oft, dass Jugendliche genau wüssten, welches Verhalten dort von ihnen erwartet werde – sie folgen einer Art ‚Verhaltensknigge‘ in dieser düsteren Umgebung: „Etwa, dass sie betroffen gucken müssen“, so Kuhn. „Dadurch gibt es zu wenig Raum für eigene Ausdrücke. Das sind Regeln, die das Lernen stark behindern können. Die Aufgabe ist zunächst, das aufzubrechen und zu sagen: ‚Hier ist alles möglich‘.“