Film ab im Norden

Buddenbrooks, Hollywood und Tatort – was Schleswig-Holstein als Filmland ausmacht

Kiel. „Ich höre!“ Eigentlich ist er unspektakulär, dennoch kennen wohl zigtausende Bürger in ganz Deutschland diesen speziellen Satz: So wortkarg meldet sich der Kieler Tatort-Kommissar Borowski am Telefon. Es ist das Markenzeichen des eigenbrötlerischen Ermittlers, gespielt von Axel Milberg, der seit 2003 im trüben Wasser des Nordens fischt, Morde aufklärt – und so längst zu einem Aushängeschild für das Filmland Schleswig- Holstein geworden ist.

Ebenso wie etwa die „Immenhof“-Filme, die aus den 1950er Jahren stammen – viele Schleswig-Holsteiner kennen noch die Geschichten um Dick, Dalli und ihre Ponys, die ab 1955 auf Gut Rothensande bei Malente entstanden.

 

Hollywood auf Sylt gedreht

Jedes Jahr kommen neue Produktionen hinzu, die hier im Norden gedreht sind: So entsteht quer durch Zeit und Genre eine vielfältige Filmlandschaft zwischen Nord- und Ostsee. Wer weiß schon, dass der Hollywood-Streifen „Ghostwriter“ auf Sylt gedreht wurde? Und zwar mit erstklassigen Promis: Ewan McGregor und Pierce Brosnan werden darin zu Kontrahenten rund um ein dunkles Politgeheimnis. Regie führte 2010 Roman Polanski, er hatte sich wegen des spröden, maritimen Charmes der Dünenlandschaft in die Insel verliebt.

Deutsche Topschauspieler drehten für die Verfilmung der Familien-Saga „Buddenbrooks“ von Thomas Mann am Originalschauplatz in Lübeck: Mehr als eine Million Zuschauer sahen etwa Armin Müller-Stahl, Jessica Schwarz und Iris Berben zwischen Marienkirche und Buddenbrookhaus. Im Oktober startet der Film „Deutschstunde“ nach dem Siegfried-Lenz-Roman in den Kinos.

 

Foto: Luca Kröger

Ganz großes Kino

Filmland Schleswig-Holstein: Anna-Katharina Preuß über neue Filme, pittoreske Drehorte und tolle Festivals

Kiel. Anna-Katharina Preuß kennt sich als Mitarbeitende der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein, kurz FFHSH, in der Branche aus. Im Interview erzählt sie, was die Filmproduktion in Schleswig-Holstein ausmacht.

 

Sind die Schleswig-Holsteiner filmbegeistert, Frau Preuß?

Das kann man schon sagen. Besonders, wenn man sich die Nordischen Filmtage in Lübeck einmal ansieht – die werden gut besucht, und von skandinavischen Filmregisseuren habe ich gehört, dass das ein tolles Publikum dort für sie ist. Manche Besucher haben sich ein richtiges Fachwissen angeeignet, sodass sie zwischen den einzelnen Filmen vergleichen – und die Regisseure sich wundern, dass alle ihre Filme bekannt sind. Dahinter stecken Menschen, die sehr viel Herzblut hinein gesteckt haben.

 

Ist das beim Green-Screen-Festival in Eckernförde ähnlich?

Ja, die ganze Stadt lebt dieses Festival, sehr viele Leute helfen mit. Dirk Steffens ist dort der neue Leiter – und er trägt das Festival in die ganze Welt: „Green-Screen“ ist inzwischen eines der größten Dokumentar- und Filmfestivals in Europa. Gezeigt werden vor allem Naturdokus, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, aber mittlerweile werden die Filme auch politischer.

 

Foto: Network Movie / Wild
Bunch Germany/Georges Pauly

 

Welche Filme werden denn aktuell hier bei uns produziert?

Da ist zum Beispiel „Deutschstunde“, eine Verfilmung des Romans von Siegfried Lenz. Die Story handelt von einem Jugendlichen, der im Deutschland der Nachkriegszeit in einer Anstalt für Schwererziehbare einsitzt. Als er zur Strafe in eine Zelle gesperrt wird, brechen die Erinnerungen an seine Jugend während des Zweiten Weltkriegs aus ihm heraus. Es gab 23 Drehtage in Schleswig-Holstein, unter anderem wurde auf Sylt gefilmt. Regie führte Christian Schwochow. Die Produktion wurde mit 500.000 Euro Produktionsförderung unterstützt, ein sehr großer Betrag.

Übrigens: Kinostart ist am 3. Oktober! Und Daniel Glattauers Erfolgsroman „Gut gegen Nordwind“ kommt im September auf die große Leinwand. Regisseurin Vanessa Jopp hat für die romantische Geschichte mit Nora Tschirner und Alexander Fehling letztes Jahr unter anderem einige Tage auf Sylt gedreht.

 

Welche Talente kann man sich unter den jungen Regisseuren merken?

Zum Beispiel Moritz Boll, der den Film „Abgetaucht“ gedreht hat, in dem es um eine Vater-Tochter-Beziehung geht. Und die Lübecker Regisseurin Katja Benrath, die 2019 den Film „Rocca verändert die Welt“ herausbrachte. Zwei Jahre vorher erhielt sie für „Watu wote“ eine Oscar-Nominierung und den Studenten-Oscar – in dem Film geht es um eine Entführung von Christen in Kenia. Und die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat hat 2019 das Drama „The Orphanage“ (Das Kinderheim) gedreht: unter anderem in Hanerau-Hademarschen, mit 52 Schülern als Komparsen.

 

Ein Blick zurück – welche Filme lassen sich besonders eng mit Schleswig-Holstein verknüpfen?

Die Buddenbrooks sicherlich, dann der Vampirfilm Nosferatu mit Klaus Kinski, aber auch Immenhof – das sind Filme, die hier in Schleswig-Holstein gedreht sind und ganz besonders prägnante Orte Schleswig-Holsteins in den Fokus stellen. Das gilt auch für die Serie „Gegen den Wind“ am Strand von St.-Peter-Ording, die ab 1995 ausgestrahlt wurde.

 

Und wie schneidet das Land als Filmkulisse ab?

Wir haben natürlich tolle Alleinstellungsmerkmale, wie die beiden Küsten, die rauhe Westküste, das sanfte Hügelland. Dazu kommen Herrenhäuser zwischen grünen Wiesen und Rapsfeldern, pittoreske Dörfer und Städte. Ich meine, eigentlich ist alles an Schleswig-Holstein schön!

 

Welche Höchstleistungen haben Filmer hier im Norden schon zustande gebracht?

Die jüngste von der FFHSH geförderte Regisseurin heißt Hille Norden. Sie war bei ihrem Debut „Jola“ 2016 erst 16 Jahre alt. Der Film „Unter dem Sand“, auch im Norden Schleswig-Holsteins gedreht, wurde für einen Oscar nominiert. Erfolgreichster FFHSH-geförderter Film 2018 ist „25 km/h“ von Markus Goller mit Lars Eidinger und Bjarne Mädel. Den haben inzwischen 975.000 Menschen gesehen.

 

Anna-Katharina Preuß ist Diplom-Geografin und arbeitet seit 2017 bei der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein in Kiel.