Die Rückkehr des Autokinos

Popcorn und Nachos auf dem Autositz: In Zeiten der Pandemie werden Kinobetreiber erfinderisch

Husum. Ob Theater oder Kino – wegen der Corona-Krise haben solche Angebote in Schleswig-Holstein derzeit geschlossen. Doch einige findige Betreiber haben aus der Not eine Tugend gemacht: Sie führen die Filme in Autokinos vor, weil dort die Abstandsregeln und weitere Hygienevorgaben einfacher umsetzbar sind. Es ist die Rückkehr der Autokinos zwischen Nord- und Ostsee, deren Ära eigentlich schon vergangen schien.

Vorteilhafte LED-Wand

Aktuell können Filmfans die neuesten Hollywood-Streifen in Flensburg, Husum, Itzehoe, Elmshorn und Ratzeburg genießen. In Husum bietet das Kino-Center ein Autokino auf dem Parkplatz des Messegeländes an. Dort wurde eine 30 Quadratmeter große LED-Wand aufgestellt, auf der Filme für Jung und Alt durch die Windschutzscheibe zu sehen sind. Der große Vorteil, so Stephan Hartung von den Husumer Kinobetrieben: „Eine LED-Wand ist tageslichttauglich. Das heißt, wir müssen nicht warten, bis es dunkel wird. Das würde in der Jahreszeit nämlich bedeuten, dass man in Norddeutschland kaum vor 22 Uhr starten könnte.“

Der Ton kommt per Radioempfang direkt ins Autoinnere: Ob Pistolenschüsse, romantisches Geplänkel oder Rockmusik, je hochwertiger die bordeigenen Lautsprecher, desto besser die Qualität – und in der Folge auch das Kinoerlebnis. Wie kam das nordfriesische Autokino überhaupt zustande? „Die Idee hatte ich, als ich am Anfang des Lockdowns im Fernsehen einen Bericht über die stationären Autokinos sah, die die einzigen Kinos in Deutschland waren, die teils noch öffnen durften“, sagt Hartung. „Ich dachte gleich an den Parkplatz an der Messe Husum, der die perfekte Location für ein Autokino bieten würde.“

„Nur fröhliche Gesichter“

Das Programm ist bunt gemischt und bietet Filme aus Mainstream, Arthouse, am Wochenende nachmittags Kinderfilme und vieles mehr. Und wird offenbar gut nachgefragt: „Die Zielsetzung, den Leuten die Möglichkeit zu geben, einen Film außerhalb des Heimkinos ‚in Gesellschaft‘ zu genießen, ist voll aufgegangen“, resümiert Hartung. „Ich bin jeden Abend selbst mit am Einlass und erlebe nur fröhliche Gesichter hinter den Scheiben. Die Leute sind einfach froh, auch zu Corona-Zeiten etwas unternehmen zu können.“

Auch in Itzehoe kommen Cineasten ab sofort wieder auf ihre Kosten: In der Stadt an der Stör ist auf dem weiten Flächen der Malzmüllerwiesen ein neues Autokino entstanden, mit offizieller Genehmigung durch die Stadtverwaltung. Höchstens hundert Pkw mit einem Mindestabstand von zwei Metern finden dort Platz. Zur Premiere wurde dort Anfang Mai der Film „Der Joker“ gezeigt.

Tipps vom Kinokenner

Allerdings gilt während der Vorstellung: Motor aus, zugunsten der Natur und weniger Lärm. Wenn die Temperaturen am Abend etwas kühler werden, lohnt es sich, eine Wolldecke und Kissen dabei zu haben, um es sich so richtig gemütlich zu machen auf den Autositzen, so der Husumer Hartung. Wer mag, nimmt ein Tuch zum Wischen mit, falls die Windschutzscheibe von innen beschlagen sollte. Und da es direkt im Autokino keine Snacks zu kaufen gibt, empfiehlt er, sich vorher genügend mit Verpflegung einzudecken – darüber aber nicht andere Bedürfnisse zu vergessen: „Da wir nur eine Nottoilette haben, empfehlen wir, möglichst vor dem Besuch noch aufs WC zu gehen.“

Autokinos heute und damals

Übrigens: Auch die Bundesnetzagentur muss mitspielen, bevor ein Autokino starten darf. Die Behörde vergibt die Radiofrequenzen, auf denen die Tonspuren gesendet werden. Bundesweit, teilte die Agentur mit, gebe es derzeit so viele Anträge auf die Erteilung solcher Frequenzen wie nie zuvor: Seit Anfang März hätten in ganz Deutschland 43 Autokinos die Erlaubnis für die Funksignale erhalten, fast 80 weitere Anträge lägen noch vor.

Das weltweit erste Autokino soll am 6. Juni 1933 in Camden, einer Stadt im US-amerikanischen Bundestaat New Jersey entstanden sein. Gezeigt wurde damals der Film „Wife Aware“ – nicht etwa auf einer LED-Wand, auch keiner Leinwand, sondern auf einer weißen Steinmauer. Der Ton kam aus drei großen Lautsprechern: Die Geräusche sollen noch mehrere Kilometer entfernt zu hören gewesen sein. Erst später kamen Geräte auf, die jeweils an den Kühlergrill gehängt wurden und eben ausreichend Ton wiedergaben für die Passagiere darin. Immerhin: Im „Camden Drive-In Theatre“ konnten Menschen in 335 Fahrzeugen den Film verfolgen.