Das Gold des Meeres

Start in die Bernstein-Saison: Boy Jöns verrät, wo die Nordsee jetzt ihre Schätze an Land spült

Alles über Bernstein und die Menschen im echten Norden, die täglich mit ihm zu tun haben: In einer kleinen Serie berichtet das Nortex-Journal über das versteinerte Baumharz.  Heute: Boy Jöns ist der Bernstein-Botschafter von St.-Peter-Ording.

St.-Peter-Ording. Wenn die Brandung hoch ist, der Wind heult und das Meer mit großen Brechern auf Land trifft, dann haben sie oft wertvolle Fracht dabei: Mit den Frühlingsstürmen beginnt für Bernsteinsammler im Norden die Hochsaison. An Nord- und Ostsee werfen die Wellen jetzt besonders viel vom „Gold des Meeres“ an die Küsten – mit viel Erfahrung und ein wenig Glück lässt es sich am Strand oder im Watt entdecken.

Wer am Strand spazieren geht, genießt die Weite von Himmel und Meer. Alle Sinne ruhen sich aus, die Gedanken schweifen umher. Ab und zu ist etwas im Sand zu entdecken – Muscheln, Treibholz, Steine. Und schon ist er da, der heimliche Wunsch, einmal einen echten Bernstein zu finden. Aber halt, einen Moment! Wer an Bernstein denkt, hat meist glänzenden, gelb-orange-roten Schmuck vor Augen. Als Fundstück liegt er allerdings oft eher unscheinbar im Sand, sodass Unerfahrene auch schon mal daran vorbei gehen.

Foto: Tourismuszentrale St.-Peter-Ording

Das kann Boy Jöns nicht passieren: Wann und wo das versteinerte Baumharz zu finden ist, weiß er wie kaum ein Zweiter. Der Nordfriese ist jeden Tag am Strand vor St. Peter-Ording unterwegs – und wenn er gezielt sucht, geht er selten ohne ein neues Fundstück in der Tasche nach Hause. Deshalb, und weil er seit 2001 ein Museum eigens dem Bernstein gewidmet hat, wird der Mittfünfziger gern als „Bernstein-Botschafter“ bezeichnet. Er hat sich von Kindesbeinen an mit Bernstein und allem, was es darüber Wissenswertes zu lesen und zu erfahren gibt, beschäftigt.

Bernstein – was ist das überhaupt?

Der Bernstein stammt aus urzeitlichen Wäldern im Nordosten Europas, dem heutigen Skandinavien und Baltikum. Vor rund 35 Millionen Jahren standen die Bäume dort – welche, ist bis heute Gegenstand der Forschung – dicht an dicht. Klebriges Baumharz sickerte aus ihrer Rinde, tropfte auf den Waldboden. Im Boden versteinerte es über Jahrmillionen, bis daraus Succinit geworden war: So lautet der wissenschaftliche Name für die hier am häufigsten vorkommende Sorte Bernstein. Ein prähistorischer Fluss soll ihn bis in die Regionen getragen haben, die heute von Nord- und Ostsee bedeckt sind.

„Sankt Peter Ording ist mit Abstand das fündigste Revier“, sagt Boy Jöns dazu stolz. Bundesweit würde hier am häufigsten Bernstein gefunden: Insgesamt geht er davon aus, dass jedes Jahr bis zu 300 Kilogramm an der Nordseeküste geborgen werden. „Der Bernstein wird bei auflandigem Wind an die Küste getragen“, erläutert er. Das fossile Harz ist nur minimal schwerer als Wasser, bei Stürmen wird es am Grund der See weitertransportiert und schließlich an Land gespült.

So finden Sie Bernstein

Wichtig dabei sind auch Ebbe und Flut. „Die schlaueste Zeit, nach Bernstein zu suchen, sind die letzten drei Stunden des ablaufenden Wassers“, erläutert der Kenner. Weil der Bernstein nicht schwimmt, kommt er auch nicht am höchsten Stand der Flutkante an, sondern verdriftet unterhalb. „Der Strand ist nie völlig eben“, so Jöns: „Da ist mal eine Senke, mal eine kleine Sandbank. Für den Bernstein sind das Barrieren, in diesen Bereichen geht man dann Zickzack.“

Foto: Tourismuszentrale St.-Peter-Ording

Das wertvolle, fossile Harz liegt dort selten allein – meist sind kleine Holzstücke direkt daneben zu finden. „Wir suchen schwarzen Krümelkram, der aussieht wie ein umgestülpter Kaffeefilter“, sagt der Nordfriese und schmunzelt: „Wir sagen dazu Kaffeedick.“ Es ist mit Meerwasser vollgesogenes, oft uraltes Holz, das das gleiche spezifische Gewicht wie Bernstein besitzt. „Wenn Sie so eine Stelle finden, haben Sie auch Bernstein gefunden!“

Nie Wind, Wetter und Wasser unterschätzen

Die Lust am Bernstein-Finden dürfe aber nicht dazu führen, unvorsichtig zu werden. „Ganz wichtig: Nie in die Dunkelheit gehen!“, warnt er. „Und nie bei Nebel. Immer abmelden und immer ein Handy dabeihaben, ebenso wie vernünftige Kleidung“, zählt der erfahrene Sammler auf. Am Strand sei das Wetter einfach extremer – vor Wind, Sonne, Regen gebe es kaum Schutz. Das Orkantief „Sabine“ etwa peitschte die Nordseewellen Anfang 2020 mit großer Wucht über den Strand, der Sturmflutpegel stand 2,50 Meter über dem mittleren Hochwasser: Wer dann loszieht, begibt sich in Lebensgefahr.

Eine andere Gefahr sei für Bernstein-Fans in St.-Peter-Ording selten, so Jöns: „Phosphor – das ist eine schreckliche Kriegshinterlassenschaft.“ Das Material, das aus Brandbomben aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, ähnelt teils dem Bernstein. In trockenem Zustand und bei rund 20 Grad Lufttemperatur kann es sich selbst entzünden, brennt dann mit großer Hitze. Wer sich bei einem Fundstück nicht sicher sei, kann es luftdicht in einer Plastiktüte und eventuell einer Metalldose aufbewahren, um es später prüfen zu lassen.

Begeistert vom Geschenk der Natur

Am liebsten sind Jöns die selbstgefundenen, unangetasteten Bernsteine. „Und davon gibt es einige, die einfach toll sind. Ich fuhr einmal, ganz früh morgens war das, mit dem Fahrrad an den Strand bei Böhl…“ beginnt er, von seinem schönsten Bernstein-Fund zu erzählen. Es war noch dunkel, doch der Morgen dämmerte bereits herauf. Am Strand angekommen, stellte er seinen Drahtesel ab, nahm dann die mitgebrachte Taschenlampe in die Hand: „Ich mach‘ die an – und im ersten Strahl der Lampe liegt ein fast faustgroßes honig-durchsichtiges Stück Bernstein. Das war großes Kino!“, freut sich der Bernstein-Botschafter bis heute.

Für ihn ist es ein Geschenk der Natur, das er, ohne die Umwelt zu beeinträchtigen, gern annimmt. „Die größte Freude für mich ist es, wenn ich allein im schmuddeligen, kalten Wetter, dick angezogen, auf die Sandbank gehe – und dann liegt der Bernstein da. Man guckt das Stück an, hält es gegen das Licht, blickt nach oben und sagt ‚Danke‘!“

Lesen Sie im nächsten Teil der Serie mehr darüber, wie Boy Jöns zum „Bernstein-Botschafter“ im echten Norden wurde – und das Museum, das er in St.-Peter-Ording ins Leben gerufen hat.