Gegen den Trend

Eine Vorleseinitiative in Neumünster will Menschen wieder fürs Lesen begeistern

Neumünster. Wenn Gudrun Siebert in die Kita „Kleine Arche“ kommt, wissen die Kinder: Jetzt ist Pippi-Langstrumpf-Zeit. Die Neumünsteranerin ist eine gern gesehene Besucherin in dem Kindergarten im Stadtteil Gartenstadt. Nicht ohne Grund:

Sie liest den Jungen und Mädchen dort seit Jahren vor. Und die Kinder wollen immer nur die eine: Pippi, das freche und starke rotbezopfte Mädchen, das sich Astrid Lindgren vor 77 Jahren ausdachte.

Die ältere Frau liest im Rahmen einer Initiative, die „Neumünsteraner Leselust“ heißt, kurz „NeLe“. Ziel ist es, mehr Menschen einen Zugang zu Büchern, zur Literatur und zum Lesen zu geben. Neu ist das Angebot „NeLe auf dem Sofa“: Dabei kommen die Vorleser zur „Wohnzimmerlesung“ auf Einladung ins private Haus. Im Gepäck haben sie spannende, traurige und lustige Geschichten – je nach Wunsch der Gastgeber, die für den organisatorischen Rahmen sorgen.

Gegründet wurde die Initiative 2006 von Christel Bendfeldt. Seitdem liest auch Gudrun Siebert vor: in Kitas und Seniorenheimen, bei geselligen Treffs der Landfrauen. Träger des Projekts ist die Diakonie Altholstein, Andrea Schütt koordiniert Fahr- und Zeitpläne, den Nachschub neuer Bücher und vieles mehr. Sie sorgt dafür, dass die Vorleser in der näheren Umgebung ihrer Wohnung aktiv werden können, ganz nach Talent und Wunsch.

Meist seien es ältere Menschen, die sich engagieren wollten – aus der Wahrnehmung heraus, dass das Lesen bei der jungen Generation immer seltener werde, so Schütt: „Kinder für das Lesen zu begeistern – das ist für viele der ehrenamtlichen Helfer ein wichtiges Motiv.“

 

„Die Kinder hängen an meinen Lippen“

Das gilt auch für Gudrun Siebert. „Die Kinder dort hängen regelrecht an meinen Lippen“, sagt sie. „Manche sagen dann ‚Das kenne ich schon‘ – sie meinen aber nicht das Buch, sondern die Filme.“ Das Lesen gehe heute ein Stück weit verloren, sagt Andrea Schütt. Dabei fördere es immens emotionale und soziale Kompetenzen. „Man ist in der Vorstellungskraft so nah dabei“, so Schütt.
Dieser Bericht erschien zuvor auch in der Evangelischen Zeitung.