Der letzte Tuchmacher

Der Neumünsteraner Hans-Friedrich Rowedder erzählt von der Textilindustrie in Schleswig-Holsteins Mitte

Neumünster. Es ist ein besonderer Moment: Hans-Friedrich Rowedder steht an einer riesigen Maschine im Museum für Tuch und Technik. Mit der linken Hand berührt er das Metall eines Laufrads und schildert die Funktionsweise. Und plötzlich wirkt es, als ob mit den Erinnerungen an früher und der Maschine direkt vor sich neue Energie und Tatendrang in den 84-Jährigen fließen: Rowedder ist der letzte Tuchmacher aus Neumünster. Er erzählt, was ihn und seine Familie geprägt hat – ein persönlicher Einblick in Auf- und Niedergang der Textilindustrie in der Mitte Schleswig-Holsteins.

Der Anfang liegt schon 200 Jahre zurück. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Rowedders angekommen in Neumünster. „Mein Ur-, Ur-, Urgroßvater hat eingeheiratet in eine Tuchmacherwerkstatt. Das Haus steht heute noch, jetzt sitzt dort eine Apotheke am Teich“, sagt Rowedder. Der Vorfahre habe zunächst einmal die Werkstatt geführt und später im Laufe der Zeit die Tuchmacherei „richtig groß“ gemacht. Gegründet wurde sie 1834, nach gut 30 Jahren zog man um in die Christianstraße – dorthin, wo heute das Parkcenter steht.

„Damals wurden Stoffe gewebt und wohl schon gesponnen. Zu der Zeit wurde in Neumünster Loden hergestellt und vielerorts verkauft, zum Beispiel an Lodenfrey in München.“ Durch die Generationen hindurch hat die Familie den Betrieb und die Produktion immer weiter ausgebaut, mit allem, was zu einer vollwertigen Tuchmacherei gehört: etwa die Färberei, Krempelei, Stickerei, Reißerei, Spinnerei, sogar eine Schlosserei gehörte dazu, und ein Bauernhof – die frische Milch der Kühe gab es wenig später in der Kantine des Betriebs.

Hans-Friedrich Rowedder erzählt das frei aus dem Kopf, mit vielen Details zu Personen und Ereignissen, lässt auch Gefühle nicht aus. Er hat sich Zeit genommen für den Besuch im Neumünsteraner Museum – Zeit, um zu schildern, wie es damals zuging in der Textilindustrie der Schwalestadt. Die war in ganz Deutschland einzigartig; Neumünster zählte zu den größten Standorten der Tuchmacherei. Mit Pferd und Wagen, später auf Güterwaggons der Reichsbahn wurden die Textilien weit über die Grenzen hinaus exportiert. Solange, bis der Krieg kam.

„Bis 1918 ist hier wenig passiert, aber im Zweiten Weltkrieg wurde bei mehreren Angriffen viel zerstört“, so Rowedder. Am 25. Oktober 1944 entging er, als neun Jahre alter Junge, selbst wohl nur knapp dem Tod. Damals warfen allierte Flugzeuge Bomben auf Neumünster, wohl um den Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt auszuschalten. Doch die Bomben trieben im Wind ab – und trafen neben der Anscharkirche mehrere Textilfabriken, darunter auch die der Rowedders.

Den zweiten Teil des Artikels können Sie am folgenden Mittwoch, 25.12.2019 hier in der App lesen.