„Das ist Schnee von gestern“

Vom Wirtschaftswunder bis zum Niedergang der Neumünsteraner Textilindustrie: Zweiter Teil der persönlichen Geschichte von Hans-Friedrich Rowedder, des letzten Tuchmachers der Schwalestadt.

Neumünster. In seiner Kindheit erlebte der heute 84-jährige Hans-Friedrich Rowedder einen Angriff alliierter Bomber während des Zweiten Weltkriegs hautnah mit. „Das war in der Mittagszeit, da hörten wir die Bomben runterkommen. Nach dem Angriff brannte alles, ein Feuermeer überall“, erinnert er sich.

Die alten Gebäude waren durch die Webstühle mit Öl durchtränkt – ein leichtes Spiel für die Flammen. Der neunjährige Hans-Friedrich überlebte in einem nahen Wohngebäude, ebenso wie 50 junge Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine, die sich zu dem Zeitpunkt im Erdgeschoss des Betriebs aufhielten. Es war Glück im Unglück: Eine Fliegerbombe prallte an einem Pfeiler im Gebäude ab, wurde nach draußen geschleudert und explodierte erst dort.

Der 84-Jährige zeigt Fotos der Mädchen, auch der zerstörten Anlagen. Dann entfaltet er ein kleines Papier, das er an einer Kette um den Hals trägt. Zwei eng mit Handschrift beschriebene Seiten. „Wir Kinder hatten alle einen Schutzbrief um den Hals gehängt. Der Text stammt von 1724, ein uraltes Ding – aber wir haben daran geglaubt!“ Er liest ein wenig daraus vor: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes… Wer dieses geschrieben bei sich trägt, dem wird nichts schaden“. Dann faltet er das Papier wieder sorgfältig zusammen. „Ich weiß nicht, ob es Hokus-Pokus ist – aber es hat ja geholfen. Von allen diesen Leuten“, er zeigt auf das Album, „bin ich der einzige, der bis heute überlebt hat.“

Kurze Blüte in den 1950er Jahren

Zum Ende des Krieges lagen große Bestände eines Drahtgeflechts im Betrieb, das für Tarnnetze gedacht war. „Mein Vater und Großvater fragten sich: Was machen wir damit? Sie sind dann auf die kluge Idee gekommen, Topfschrubber daraus zu machen. Die haben sie überall verkauft und allein damit die Firma 1948/1949 wieder aufgebaut“, erinnert sich Rowedder schmunzelnd an den Erfolg. „Das ging wie geschnitten Brot!“

Er durchlief in den 1950er Jahren seine Ausbildung zum Textilingenieur. Damals zogen die Söhne, ähnlich wie in Handwerkszünften, aus der Stadt heraus in die Welt. Rowedder lernte Betriebe der Textilindustrie in Birmingham, Holland und im  Schwarzwald kennen. Zugleich erlebte seine Heimatstadt einen Aufschwung: Erneut wurden Kollektionen für Sommer und Winter hergestellt, wurden Strickkleider, Seemannstroyer, Unterwäsche, Socken, T-Shirts und vieles mehr gefertigt. Sogar die Stutzen der Fußballweltmeister 1954 kamen von der Schwale.

„Wir hatten hier alles, was man brauchte. Neumünster war führend in Deutschland“, blickt der frühere Fabrikant zurück auf die Zeit des Wirtschaftswunders. „Wir Tuchmacher waren eng miteinander verbunden, ein eingeschworenes Team. Alle per du.“ Natürlich wollte der eine billiger sein als der andere. Aber spezialisiert habe sich keiner. „Der Bedarf war ja da“, sagt er. Die Kunden kamen aus ganz Deutschland.

Doch in den 1960er Jahren nahm die Nachfrage nach Bekleidung aus der vergleichsweise groben Stoffware, die in Neumünster hergestellt wurde, drastisch ab. Damit zeichnete sich der Niedergang der hiesigen Tuchindustrie ab: Für die Fabrikbesitzer wurde es stets schwerer, sich gegen die Konkurrenz aus Niedriglohnländern wie Italien und Portugal zu behaupten. Ende des Jahrzehnts begann das große Sterben der Textilbetriebe in Neumünster.

„Zum Ende, als es ganz schlecht wurde, hat man gedacht: ‚So, jetzt müssen wir uns alle zusammentun‘“, schildert Rowedder. Es gab Gespräche, wie man sich koordinieren und die Textilindustrie in Neumünster retten könnte. Doch die Verhandlungen scheiterten: „Jeder hat für sich selbst weitergewurstelt. Die Betriebe waren verschieden verschuldet. Alle wussten, was passiert – meinen Eltern war das aber nicht klar“, erinnert er sich.

Sein Unternehmen wurde 1973 geschlossen, zuletzt waren dort 350 Mitarbeiter beschäftigt. Hat man damals versäumt, sich auf die neuen Zeiten einzustellen? Einerseits sei es mit den vorhandenen Maschinen technisch schwierig gewesen, den gewünschten feinen Stoff herzustellen, so Rowedder. Andererseits: „Wenn damals alle an einem Strang gezogen hätten, hätte es vielleicht auch eine andere Lösung gegeben.“

In seiner Stimme liegt ein bisschen Wehmut. Auch, weil ein Kleidungsstück damals noch anders gewertschätzt worden sei als heute. Doch vorbei ist vorbei, glaubt er: Die Lage habe sich verändert, heute könne man die Textilproduktion nicht mehr zurückholen. „Letztlich bestimmt das die Mode, nicht wir. Jeans ist eben Jeans.“ Auch die Fachkompetenz, die zur Bedienung heutiger Textilmaschinen benötigt würde, sei nicht mehr vorhanden, es gebe stets weniger Textilingenieure in Deutschland. Sein Fazit: „Das ist Schnee von gestern, leider!“