Sanfte Riesen im Wald

Ahrensbök. Die Landesforsten Schleswig-Holstein setzen bei der Waldpflege auf Rückepferde.

Kraftvoll zieht der Kaltbluthengst einen Eichenstamm durch den Wald. Es ist ein Anblick wie aus einer längst vergangenen Zeit: In einem Forst bei Ahrensbök sind zwei Rückepferde im Einsatz, die mit Ketten und Zuggeschirr bei der Holzernte helfen – und damit Boden und Bäume im Bestand schonen. Genau das ist das Ziel der Landesforsten Schleswig-Holstein, Auftraggeber der Aktion.

„Peer“ ist ein vier Jahre alter Kaltbluthengst. Er wiegt rund 800 Kilogramm, seit einer Saison arbeitet er als Rückepferd im Forst. Jetzt ist er aufgezäumt mit einem Kumt-Geschirr aus Leder und Stahl, von dem aus Zugstränge an den Flanken entlang bis zum Ortscheit hinter den Hinterläufen führen. Hier ist die Zugkette befestigt, an deren anderem Ende das Gewicht des Baums hängt.

Auf ein kurzes, gerufenes Kommando zieht „Peer“ an, der Baum gleitet hinter ihm her über den Waldboden. Es wirkt wie ein Kinderspiel, in dem stämmigen, muskelbepackten Vierbeiner stecken 23 herkömmliche Pferdestärken. Und trotzdem wirkt jeder Schritt wohlgesetzt, kommt das Pferd auch im dichten, unwegsamen Unterholz nicht ins Straucheln.

Daneben stapft Kay Stolzenberg durchs Unterholz, ruft halblaute Kommandos. Der Forstwirt, Pferdehalter und -züchter aus Lüchow- Dannenberg in Niedersachsen weiß ganz genau, welcher Ehrgeiz und welche Intelligenz, aber auch Geduld und Sanftmut in seinem Kaltblüter stecken – und nutzt sie entsprechend: Gemeinsam zieht das Gespann so mehrere der etwa 15 Zentimeter dicken, 8 Meter langen Stämme bis zur „Rückegasse“, einer Art Sammelplatz. „In Schleswig-Holstein gibt es keine hauptberuflichen Pferderücker mehr, das ist schon schade“, bedauert Stolzenberg. Der erfahrene Pferdewirt ist seit 20 Jahren im Geschäft.

Ein Pferd spart 70.000 Liter Diesel

Der Rückgang liege vor allem am schwierigen beruflichen Einstieg. Dabei könne sich die Ökobilanz im Arbeitsleben eines Rückepferdes durchaus sehen lassen: im Vergleich zu Forstmaschinen könnten so bis zu 70.000 Liter Diesel eingespart werden. Doch ein Rückepferd bedeutet auch logistischen Aufwand: Die Tiere müssen zum Einsatzort transportiert, vor Ort versorgt und von verständigen Leuten geführt werden. Dass in dem jungen Eichenwald ein Rückepferd zum Einsatz kommt, hängt mit der auf Nachhaltigkeit getrimmten Leitlinie der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, kurz SHLF, zusammen. „Wir bei den Landesforsten wollen den Boden schonen, wo es geht“, unterstreicht daher auch Max Brückhändler, der die Arbeit von „Peer“ im Wald mitverfolgt. Der 32-Jährige vertritt Förster bei Abwesenheit oder Krankheit in deren Revieren.

Insgesamt wurden in den vergangenen fünf Jahren rund 500 Aufträge an Pferderücker in Schleswig-Holsteins Wäldern vergeben. Die SHLF betreut knapp ein Drittel der rund 170.000 Hektar Waldfläche zwischen Nord- und Ostsee: 31 Förstereien im Land kümmern sich nach strengen ökologischen und sozialen Maßstäben unter anderem um die Holzernte, Hege und Pflege des Tierbestands, auch um die Wälder als wichtiges Erholungsgebiet für die Bürger.

Erholsam ist ein Waldspaziergang vor allem bei intakter Natur. Und genau dafür sorgen Rückepferde, denn eine vergleichbare Forstmaschine würde mit ihrem Gewicht den Waldboden viel stärker verdichten – insbesondere bei nasser Witterung gäbe es tiefe Fahrspuren, die die Gefahr von Erosion erhöhen und das empfindliche Gleichgewicht von Flora und Fauna stören. Die Maschinen benötigen zudem mehr Platz bei der Arbeit, Pferde hingegen arbeiten auch im dichten Unterholz problemlos.

Ein Eichenwald für die Zukunft

„Vor 20 bis 30 Jahren wurden die Eichen gepflanzt. Jetzt werden zwei bis drei Bäume um die gesündesten, besten Bäume gefällt, damit diese besser wachsen können“, erläutert Brückhändler: „Die Eichen brauchen sehr viel Licht; mit Schatten kommen sie nicht gut klar.“ Alle fünf Jahre werde diese Forstpflege wiederholt. „Es ist eine spannende, auch anspruchsvolle und vielfältige Kombination der Arbeit von Mensch, Pferd und Maschine“, findet der junge Förster. Und das Verfahren rechne sich schon – es komme eben auf die Sichtweise an, mit der man Wirtschaftlichkeit kalkuliere.

Der Begriff von Zeit innerhalb der Forstwirtschaft hebt sich deutlich ab vom gewohnten Alltag der meisten Menschen. Der Eichenwald bei Ahrensbök wird noch rund 200 Jahre brauchen, bis die Bäume voll ausgewachsen sind und reif für die Holz-Ernte. „Genau das bedeutet nachhaltiges Wirtschaften“, so Brückhändler: „Wir machen das für kommende Generationen, so wie unsere Vorfahren das für uns gemacht haben.“

Mehr Infos zu den Landesforsten Schleswig-Holstein gibt es auf www.forst-sh.de.