„Er brachte mir das Radfahren bei“

Zweiter Teil eines Artikels darüber, was einen Bad Bramstedter Schneidermeister, Karl Lagerfeld und Nortex verbindet.

Wann genau Karl Lagerfeld die Inspiration für den Mantel hatte, ist nicht genau bekannt. Doch die handwerkliche Umsetzung seiner Skizzen im Kluckschen Atelier fallen auf das Jahr 1954. Heraus kam ein kanariengelber Wollmantel, beim dem die Gürtelschließe vorne über die Knopfleiste angebracht war und hinten ein tiefer, v-förmiger Ausschnitt den Rücken freilegte. Der Rest ist Geschichte: Mit dem Bravourstück ausgefallener Mode gewann der junge, aufstrebende Designer den Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats in Paris – und löste so sein Eintrittsticket als neues Talent in die Welt der Haute Couture.

Karl Lagerfeld war da gerade einmal 21 Jahre alt. Ein paar Jahre zuvor lief er auf Gut Bissenmoor noch hinter einem alten Fahrrad hinterher: Auf dem Sattel saß Sylvia Jahrke, die mit ihrer Familie neben den Lagerfelds in dem Gutshaus einquartiert worden war – nach dem verheerenden Luftangriff 1943 auf Hamburg. In Bad Bramstedt war es friedlicher: Hier, inmitten von grünen Wiesen, Apfelbäumen und Kuhställen, wohnten die zehnjährige Sylvia und der ein Jahr ältere Karl Tür an Tür. Oft saßen die zwei Kinder, Junge und Mädchen, zusammen auf der Treppe vor dem herrschaftlichen Anwesen und unterhielten sich. „Karl-Otto hat mir damals das Fahrradfahren beigebracht – er stand hinten und hielt den Gepäckträger fest, ich setzte mich auf den Sattel. Dann trat ich in die Pedale und er rannte hinterher”, schildert Sylvia Jahrke.

Als sie die Erinnerung Revue passieren lässt, zeigt sich ein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie erzählt gern von damals. Auch, um ein Bild vom jungen Karl-Otto Lagerfeld zu vermitteln, wie er wirklich war – sie lässt nichts weg und dichtet nichts hinzu. Ein Autor hat ihr vor Kurzem eine Ausgabe des Bands „Karlikaturen“ gewidmet, in dem sie gern blättert. Das Buch enthält zahlreiche politische, auch gesellschaftskritische Karikaturen, die Karl Lagerfeld zeichnete.

„Soweit ich weiß, wollte Karl-Otto auch tatsächlich Karikaturist werden“, erinnert sich die 85-Jährige. Sein Zeichentalent wurde auch gefördert – aus einem ganz bestimmten Grund, wie sie erzählt: Demnach sollte er Klavier spielen üben. „Das gehörte damals zum guten Ton in den wohlhabenden Kreisen“, so Sylvia Jahrke. „Das Geräusch störte aber seine Mutter, und die war eine Respektperson. Deshalb hat sie ihm Papier und Bleistift in die Hand gegeben; er sollte lieber malen. So ist er an die Malerei gekommen und hat sehr viel gezeichnet.“

In der Aula der Jürgen- Fuhlendorf-Schule habe zu ihrer Schulzeit eine Zeichnung vom jungen Karl-Otto gehangen: „Darauf war unser Mathelehrer, Schneider hieß der, zu sehen, wie er zu kämpfen hatte mit den Schnüren einer Roulade.“ Das öffentliche Zeigen des Bilds sei eine große Ehre gewesen. „Karl-Otto war sehr diszipliniert“

Später traf sie einmal Karl Lagerfelds Mutter, die ihr stolz vom gewonnenen Wettbewerb in Paris berichtete. „Ich habe seine Karriere verfolgt, weil mich das interessiert hat. Wenn man die Menschen kennt, hat man natürlich mehr Interesse als sonst“, sagt die Hitzhusenerin heute. Hat sie ihn als divenhaft und exaltiert empfunden? Fand sie ihn kapriziös oder schlicht genial – so wie viele andere Menschen? Er sei durch alle Zeiten hindurch sehr streng mit sich selbst gewesen, antwortet sie: Stets selbstkritisch, auch später, als der Jugendfreund zum weltberühmten Modedesigner avanciert war. „Menschen, denen nur der rote Teppich ausgerollt wird, heben sonst schnell ab und werden arrogant. In dieser Hinsicht fand ich Karl-Otto immer sehr diszipliniert. Und er war ein Arbeitstier, das mit 85 Jahren noch Karikaturen gemalt hat.“

Wer so prominent wie Karl-Otto geworden sei, müsse sich auch zur Wehr setzen. „Sonst entwickeln die Aussagen schnell eine Eigendynamik“, sagt Sylvia Jahrke. Es würden Dinge hinein interpretiert, die so nie gemeint waren. Wenn sie „ihren“ Karl-Otto erlebte, hörte sie, was der Designer in schnellen Sätzen sagte – und hatte mitunter das Gefühl, aus seiner Mimik deuten zu können, was er tatsächlich dachte. Von seinem Tod war sie erschüttert. Zwar habe sie nie die Mode aus seinen Kollektionen getragen – aber sie kaufte sich ein Parfum, das von ihm erschaffen wurde: den Duft „Chloe“ von Karl Lagerfeld mag sie – und trägt ihn bis heute.